Fremdschämen

Fremdschämen ist ein typisches Verhalten für Gutmenschen oder solche, die es sein möchten. Das hat uns jetzt Bundesinnenminister Friedrich von der CSU gezeigt. Er schämt sich dafür, daß bei der aktuellen Europa-Fußballmeisterschaft deutsche Fans „Sieg!“ skandieren, wenn ihre – unsere – Mannschaft siegt.

Hätten die Fans „Sieg-Heil“ gebrüllt, hätte man das ja noch verstehen können. Aber „Sieg“ ist eine einfache Beschreibung eines Ergebnisses. Was soll man als Fan denn sonst brüllen, wenn die eigene Mannschaft gewinnt?

Herr Friedrichs findet das – so gegegenüber der Neuen Osnabrücker Zeitung – allerdings beschämend, weil es in der Ukraine stattfindet, die im zweiten Weltkrieg von deutschen Truppen besetzt worden ist.

Wäre das Match also in den USA gewesen oder in Neuseeland, die damals nicht von deutschen Truppen besetzt worden sind, wäre es seiner Meinung nach eine zulässige Meinungsäußerung gewesen?

Irgendwo ist das nicht ganz stimmig.

Aber der oberste Verfassungsschützer der Republik hat noch andere Probleme, bei denen er sich fremdschämt. Beispielsweise das, daß der Fußball-Nationalspieler Mesut Özil im Internet bezichtigt wird, kein Deutscher zu sein.

Tatsächlich ist das eine sachlich falsche Aussage: Herr Özil hat einen deutschen Paß. Sonst könnte er ja auch nicht Mitglied der bundesdeutschen Fußball-Nationalmannschaft sein.

Allerdings ist Herr Özil zwar in Deutschland geboren worden, aber Sohn zweiter türkischer Elternteile; abstammungsgemäß ist er kein Deutscher. Das hindert nicht, daß er einen deutschen Paß hat und hier sozialisiert worden ist.

Der bisher anonyme Nutzer, der Herr Özil das Deutschtum abgesprochen hat, ist unter Druck. Man würde ihn wegen dieser Behauptung gern belangen, kann es aber nicht, weil man nicht weiß,wer er ist.

Für Herrn Friedrich ist das ein rassistischer Angriff. Und er würde den vermeintlichen Täter natürlich gern verfolgen, aber das ist technisch schwer möglich, weil es ja nicht die von Herrn Friedrich gewünschte Vorratsdatenspeicherung gibt und daher der anonyme Nutzer eben anonym bleibt.

In dieser nebenbei gemachten Bemerkung entlarvt Bundesinnenminister Friedrich, worum es ihm geht: Um Vorratsdatenspeicherung.

Er möchte Leute, die Herr Özil das Deutschtum absprechen, verfolgen können. Oder zumindest dann, wenn sie nicht juristisch gebildet und klug genug sind, Herrn Özil nur abzusprechen, Bio-Deutscher zu sein, aber sein Paßdeutschtum ansonsten nicht infrage stellen.

Es geht also um Repression.

Darum, abweichende Meinungen per Strafgesetz verfolgen zu können.

Das ist alles. Klar für einen Inneninister. Und einen Gutmenschen. Und das Fremdschämen ist nur eine Maske. Die Herr Friedrich tragen darf, weil es zwar Demonstranten verboten ist, Masken zu tragen, nicht aber Politikern.

Vor allem nicht Politikern der derzeit herrschenden Parteien.

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