Provinzgeschichten

Provinzgeschichten

von Christian Worch

Am 3. Oktober war ich erstmals in meinem Leben bei einer AfD-Veranstaltung.

Anfang der Woche hatte ich einen Flyer in meinem Briefkasten gefunden, Kranzniederlegung zum Tag der Deutschen Einheit um 10.30 Uhr vor dem Rathaus. Wie sich später herausstellte, hatte die AfD-Parchim davon nach eigenen Angaben 3.000 Stück verteilt, was für eine Stadt mit 18.000 Einwohnern schon recht fleißig ist.

Nun ist das Rathaus gerade mal vier oder fünf Minuten Fußweg von meiner Wohnung entfernt, also dachte ich mir, schaue ich mir das mal an.

Als ich zehn Minuten vor der Zeit ankam, waren bereits ungefähr zwei Dutzend Menschen da, ein Rednerpult in den bekannten AfD-Farben, und der niederzulegende Kranz. Warum eigentlich ein Kranz zum Tag der Deutschen Einheit gelegt wird, erschließt sich mir nicht ganz; vielleicht eine Erinnerung an die Mauertoten der Zeit von 1961 bis 1989.

Anwesend waren auch zwei Polizisten, ältere Semester, meiner Schätzung nach beide locker über 60.

Bis die Veranstaltung pünktlich begonnen wurde, erhöhte sich die Zahl der Teilnehmer auf etwa dreißig. Vielleicht zur Hälfte ältere Männer, wenig Frauen, wenig junges Volk; wobei „jung“ in dem Fall U-40 war…

Auflagen gibt es bei öffentlichen Veranstaltungen der AfD offenbar auch, sogar in der Provinz. Allerdings machte der Redner sich nicht die Mühe, sie wörtlich zu verlesen. Er stellte nur fest, daß nach seinem Augenschein die Versammlung auflagenkonform war: Niemand war betrunken, es wurden keine Stangen mitgeführt, die länger als zwei Meter waren (genaugenommen wurden überhaupt keine Stangen mitgeführt), und es war auch niemand mit Hund gekommen. – Ich hatte flüchtig erwogen, aus Gründen des Selbstschutzes die geliebte Dobermännin mitzunehmen, hatte dann aber davon Abstand genommen, weil Selbstschutz in Parchim nicht unbedingt an allererster Stelle steht. Und Lady, die besagte Hündin, mag keinen Regen. Bei Regen dreht sie so durch, daß jemand, der sie nicht kennt, sie vielleicht sogar für gefährlich halten könnte; das wollte ich niemandem zumuten.

Die Rede an sich war bürgerlich zurückhaltend, wenngleich in den meisten Punkten für mich zustimmungsfähig. Es wurde sanft gerügt, daß die AfD vielfach auch im parlamentarischen Betrieb ausgegrenzt werde, und es gab ein oder zwei Seitenhiebe auf die Sozis, was die Sozis – sowohl auf der lokalen als auch auf der bundesweiten Ebene – sich redlich verdient haben.

Irgendwann während der Rede knallte es hinter der nächsten Ecke. Kein Böller, sondern meinem Gehör nach eine Schreckschuß- oder Signalwaffe. Der Redner nahm es locker und wies darauf hin, daß seines Wissens Sylvester schon lange vorbei war. Die anwesenden zwei Polizisten nahmen es genau so locker. Es dauerte gut eine Minute, bis der dienstältere von ihnen sich in Bewegung setzte, sehr geruhsam, die Rathausfront abschreitend bis zur nächsten Ecke, um hinter dieser zu verschwinden. Wer immer da seiner antifaschistischen Gesinnung mit einem Signalschuß Luft verschafft hatte, war aber wohl nicht mehr da; weitere polizeiliche Maßnahmen unterblieben. Wir wollen nur hoffen, daß der / die / das Protestierende wenigstens für die Schreckschußkanone einen Kleinen Waffenschein hatte…. Aber selbst wenn nicht, wird das hier in der Provinz wahrscheinlich niemanden interessiert haben.

Die Veranstaltung nahm ihren geregelten Verlauf, wobei eine einsame Journalistin (von welchem lokalen Medium auch immer) sich fleißig Notizen machte. Dann wurde der Kranz gelegt, mit einer schwarz-rot-goldenen Schleife, wie es zu erwarten war, und mit einem Aufdruck, den zu lesen ich mir nicht die Mühe gemacht habe. Zum Abschluß folgte die offizielle Nationalhymne, also die dritte Strophe des Deutschlandliedes („Einigkeit und Recht und Freiheit….“) Etwa die Hälfte der Anwesenden – mich eingeschlossen – kannte den Text und war motiviert, ihn mitzusingen. Die andere Hälfte kann entweder den Text nicht oder mochte nicht singen. Vielleicht wäre zumindest unter den Älteren das ddr-mäßige „Auferstanden aus Ruinen und der Zukunft zugewandt“ der ehemaligen DDR auf mehr Zustimmung gestoßen. Schlecht zu sagen. Als gebürtiger Wessi, der nunmehr auf dem Territorium der ehemaligen DDR lebt, enthalte ich mich da einer Wertung.

Dann löste sich die Veranstaltung in aller Ruhe und friedlich auf. Jene antifaschistischen Kräfte (oder eine einzelne Kraft?), die zumindest über eine Schreckschußwaffe verfügt, manifestierte(n) sich nicht mehr, soweit ich es beobachten konnte.

Provinzielle Ruhe.

Aber nett, sich das mal angeschaut zu haben.

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