Ostbeauftragter der Bundesregierung: Der Hirte ist weg!

Ostbeauftragter der Bundesregierung: Der Hirte ist weg!

„Nomen est omen“, sagt der Lateiner: Der Name ist von Vorbedeutung. Wenn einer mit Nachnamen „Streit“ heißt, besteht eine recht hohe Wahrscheinlichkeit, daß er streitlustig wird. Heißt er umgekehrt „Friedlich“, gilt eher das Gegenteil…

Unter so einem esoterischen Aspekt hatte es sicherlich Sinn, daß der „Ostbeauftragte“ der Bundesregierung „Hirte“ hieß. Formell gesehen ist der „Ostbeauftragte“ der Bundesregierung allerdings nicht für Länder östlich der BRD zuständig wie Polen, Rußland, die baltischen Staaten und so weiter, sondern für das, was man so schön „die fünf neuen Bundesländer“ nennt. Auch wenn sie das seit dreißig Jahren sind und daher nicht mehr so furchtbar neu….

Trotzdem ist auch dreißig Jahre nach Helmut Kohls Versprechen von „blühenden Landschaften“ auf dem Gebiet der ehemaligen DDR die Lebenswirklichkeit in Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Thüringen und Sachsen natürlich eine andere als in den Ländern der Alt-BRD. Daher also ein „Ostbeauftragter“. Und daher machte es sehr viel Sinn, daß es ein Herr Christian Hirte war. Der sollte für die CDU dort die Schäfchen zusammenhalten. Jene Schäfchen, die vorzugsweise CDU wählen, mindestens aber eine „andere demokratische Partei“, schlimmstenfalls vielleicht die angeblich auch ach so demokratische SED-LINKE, auf keinen Fall aber die AfD.

Herr Hirte hatte die Frechheit, seinem Duz-Freund Kemmerich (thüringischer Landsmann von ihm) zur Wahl zu gratulieren und damit seine Freude darüber zu verbinden, daß der SED-LINKE Bodo Ramelow nicht gewählt worden ist.

Und anders als die Bundesministerin Bär hatte er die Frechheit, trotz Aufforderung von „Mutti“ Merkel diesen Tweet nicht zu löschen. Also jemand, der zu seinem Wort steht. Ehrenhaft. Im biblischen Sinne vielleicht sogar ein „guter Hirte“.

Aber die besagte „Mutti“ Merkel hatte aus dem fernen Südafrika ja verkündet, daß die Wahl von Thomas Kemmerich „unverzeihlich“ sei. Und wenn dann der besagte Herr Hirte – anders als die biegsame Frau Bär! – von seinem Glückwunsch nicht zurücktreten mag, wenn er nicht bereit ist, sprachlich Blumensträuße auf den Boden zu werfen statt sie zu überreichen, dann lernt er eben, was „Mutti“ Merkel als unverzeihlich sieht. Dann wird er eben zum Rücktritt gezwungen. Wobei er in dieser Angelegenheit weniger Rückgrat bewies als dabei, bei seinen Glückwünschen zu bleiben. Er hätte ja auch sagen können: Dann wirf mich raus, Angela; aber von mir aus zurücktreten werde ich nicht. Nein, dazu fehlte dann doch der Mumm. Immerhin ist Herr Hirte ja auch stellvertretender Landesvorsitzender der CDU in Thüringen. Und da sein Landeschef Mohring wackelt, bleibt ihm dann wenigstens noch die Option darauf, Landesvorsitzender und damit gut bezahlter Fraktionsvorsitzender der Dulder-Partei CDU im Landtag zu werden….

Da fällt dann eine Maske nach der nächsten.

Sogar der sonst eher CDU-nahen WELT AM SONNTAG war das ein klein wenig zuviel. Sie rügte den Druck auf Hirte. Und auch sonst fand sie ein paar klare Worte. Daß die Wahl von Kemmerich als „Zivilisationsbruch“ bezeichnet wurde, fand sie dann ein wenig krass. Bisher war unter diesen Musterdemokraten doch immer sprachlicher Konsens, daß „Auschwitz“, sprich der Holocaust, der Zivilisationsbruch schlechthin gewesen sei, also der schlimmste vorstellbare, damit also der einzige mögliche. Jetzt die Wahl eines FDP-Mannes zum Ministerpräsidenten als „Zivilisationsbruch“ zu bezeichnen, relativiert „Auschwitz“, sprich den Holocaust. Genau betrachtet- auch wenn die WELT AM SONNTAG das nicht mit diesen Worten sagte, so deutete sie das doch zumindest zart an – bewegen die Herrschaften, die von solcher starken Sprache Gebrauch machen, sich damit sogar fast am Rande der Relativierung, der Verharmlosung des Holocaust. Was, wie Rechtskundige wissen, nach§ 130 Strafgesetzbuch beinahe so schlimm ist, wie ihn zu leugnen.

Es ist alles im Moment so wundervoll durchgeknallt. Politik von ihrer zwar nicht besten, aber dafür unterhaltsamsten Art.

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