Kampf dem Wilhelminismus!

Das fordert Heiner Geißler, in besseren und jüngeren Jahren Generalsekretär der CDU und zuletzt als sogenannte Schlichter bezüglich Stuttgart 20 öffentlich aufgetreten. Die Berliner Siegessäule müsse umgestaltet werden, meint er, oder, wenn nicht machbar, dann eben gesprengt. Sie passe nicht mehr in die heutige Zeit, sie sei „das dümmste Denkmal Deutschlands“ und zudem „wilhelminischer Kitsch“.

Wir wollen uns nicht mit der Frage aufhalten, ob Herr Geisler auf seine alten Tage (nachträgliche Glückwünsche zum 82. Geburtstag vor gut drei Monaten!) einfach ein wenig Aufmerksamkeit braucht und deshalb provozieren will. Noch viel weniger wollen die die spöttische Frage in den Raum werfen, ob der ehemalige Jesuit damit ein schwulenfeindliches Signal setzen möchte; denn die Berliner Schwulenszene nennt ihre Zeitschrift „Die Siegessäule“. (Und sie hat immerhin eine Auflage von fast 50.000 Exemplaren monatlich.)

Nein, wir möchten Herrn Geißler ein wenig Schützenhilfe leisten und uns einmal überlegen, welcher „wilhelminische Kitsch“ denn sonst noch so entsorgt werden könnte, nötigenfalls durch Sprengung.

Im Sinne des permanenten antifaschistischen Kampfes scheint das dringend erforderlich. Schließlich regierte der im Volksmund auch gelegentlich als „Wilhelm zwo“ benannte letzte deutsche Kaiser Wilhelm II von 1888 bis 1918. Allein das schon zwingt förmlich dazu, das Andenken an ihn aus der modernen Zivilgesellschaft der BRD auszumerzen. Beamtete Fachleute und linke Journalisten belehren uns immer wieder darüber, daß die Zahl 88 ein „klandestines Kürzel“ für „Heil Hitler“ ist. (Weil H der achte Buchstabe des Alphabets ist.) Und auch die Zahl 18 ist verdächtig; sie könnte in gleicher „klandestiner“ Weise für das Namenskürzel des besagten Hitlers (A.H.) stehen. Allein deshalb muß gelten: Weg mit Wilhelm! Oder, richtiger, mit der baulichen Hinterlassenschaft seiner dreißíg Regierungsjahre.

Da hätten wir zunächst einmal in Berlin das Reichstagsgebäude (fertiggestellt 1892). Vor Sprengung müßte es natürlich evakuiert werden; schließlich ist es heutzutage Tagungsort des Deutschen Bundestages.

Oder der Berliner Dom. Allerdings würde Heiner Geißler den (eingeweiht 1905) möglicherweise verschonen wollen. Nach der Renovierung 1994 sind die Kuppeln der Türme verändert und wirken heutzutage ein wenig orientalischer als früher. Die Umwidmung in eine Moschee wäre damit denkbar, und eine Sprengung des Berliner Doms könnte insofern die Gefühle unserer moslemischen MItbürger verletzen. Vielleicht lieber doch nicht. Zumal schon das DDR-Regime den Berliner Dom 1975 politisch „entschärft“ hat, denn es ließ die Grufkirche der Hohenzollern an der Nordseite des Gebäudes abreißen.

Leichter hätten es die Sprengmeister wohl mit der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, die den meisten Menschen heutzutage nur noch mit ihrer Kurzbezeichnung „Gedächtniskirche“ bekannt ist. (Eingeweiht 1895.) Die ist nämlich nach Bombentreffern im Zweiten Weltkrieg bereits eine Ruine. Den oktagonalen Neubau, in den die Ruine mit einbezogen ist, sollte man allerdings stehen lassen. Diese Bausünde der 60-er Jahre des 20. Jahrhunderts wirkt zwar auch ein wenig kitschig, aber es ist wenigstens kein wilhelminischer Kitsch!

Sollten drei Beispiele wilhelminischen Kitsches nicht ausreichen, steht ungeachtet seines hohen Alters Herr Geißler möglicherweise bereit, der interessierten Öffentlichkeit weitere Vorschläge für die Umgestaltung der als preußischen- und Reichshauptstadt und nunmehrigen Bundeshauptstadt zu machen. Wir warten mit Spannung!

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