20 Jahre Rostock-Lichtenhagen

Die „Schande von Rostock“ jährt sich jetzt zum zwanzigsten Mal, und die Medien sind voll mit Berichten über die damaligen Ereignisse. Voller übrigens als vor zehn Jahren. Woher das wohl kommt? Vom NSU vielleicht?

In den meisten Berichten dominiert Empörung über die teilweise überaus aggressiven Angriffe. Das ist verständlich, denn Brandbomben gegen Häuser sind kein politisches Statement, sondern bestenfalls menschengefährdende Brandstiftung, schlimmstenfalls versuchter Mord. Daß damals niemand ums Leben gekommen ist, war ein glücklicher Zufall. An irgendeiner Art von Rücksichtnahme seitens der randalierenden Ultraradikalen lag es sicherlich nicht.

Aber wie heutzutage üblich, sind die Medienbetrachtungen sehr einseitig. Sie blenden nämlich bewußt die Vorgeschichte aus.

1992, kurz nach dem Fall des Eisernen Vorhangs, war die Zahl der Asylbewerber ungleich viel höher als heutzutage. Die „Zentrale Anlaufstelle“ ZAST war hoffnungslos überlaufen. Vor allem Rumänen drängten dorthin. Wobei es sich genaugenommen fast ausschließlich um Roma handelte, im Volksmund damals wie heute auch oftmals als Zigeuner bezeichnet. Bei sommerlich warmen Temperaturen kampierten sie unter Balkonen und anderswo im Freien, und Büsche wurden als Behelfstoiletten verwendet. Diese Lebensweise war vor allem den Rostockern völlig fremd, die in der wenige Jahre zuvor erst untergegangenen SED-DDR Ruhe und Ordnung gewöhnt waren. Sich häufende Kleinkriminalität wie vor allem Ladendiebstähle in den örtlichen Supermärkten trug zu einer Verschärfung des Klimas natürlich noch bei.

Die Verantwortlichen der Stadt und des Bundeslandes waren überfordert. Zwar wurde seitens der Stadtverwaltung überlegt, zumindest das hygienische Problem zu entschärfen, indem man mobile Toiletten aufstellte. Man entschied sich dagegen, weil man dachte, daß man damit einen Anreiz für noch größere Massen an Migranten bieten würde. Vielleicht war es auch die für die Ära Kohl relativ typische Politik des „Aussitzens“.

Der Protest war also nicht unbegründet, und hätte er sich im friedlichen Rahmen gehalten, hätte er auch seine völlige Berechtigung gehabt.

Tatsächlich ist wohl auch erwogen worden, vor der Stadtverwaltung von Rostock zu demonstrieren, was sachlich gesehen ein besseres Ziel gewesen wäre und weniger Konfliktpotential heraufbeschworen hätte.

Aber die Stimmung sowohl unter Aktivisten als auch unter Anwohnern war die: „Die Politiker tun doch sowieso nix! Da können wir uns den Mund fusselig reden, für die sind wir Stimmvieh und sonst nix.“

Die dramatischen Folgen sind bekannt.

Die Roma mit ihrer für die Anwohner befremdlichen Lebensweise waren sehr schnell verschwunden; Angehörige dieses Volkes kennen Pogrome seit Jahrhunderten und haben einen sehr guten Riecher dafür entwickelt, wann es möglicherweise gefährlich werden könnte. In Gefahr gerieten stattdessen Menschen, die eigentlich gar nicht gemeint waren: Etwa hundert im Nachbarhaus lebende Vietnamesen, größtenteils vorherige DDR-Vertragsarbeiter. Zusammen mit einem Kamerateam und dem Ausländerbeauftragten der Stadt konnten sie sich mit knapper Not vor den Flammen retten.

Was jenen Ausländerbeauftragten von damals betrifft, der politisch offenbar links steht und jetzt keine Gelegenheit ausläßt, sich wütend gegen rechts zu verbreiten: Immerhin muß man ihm zugute halten, daß er der einzige Offizielle der Stadt war, der anwesend war. Die anderen, die zur Entstehung der Situation durch Untätigkeit erheblich beigetragen haben, hielten sich in guter Deckung. Es erinnert ein wenig an die berühmten drei Affen: Nichts sehen, nichts hören, nichts sagen!

Auch die Polizei war restlos überfordert und unglaublich schlecht koordiniert. Natürlich wurde ihre Arbeit nicht dadurch erleichtert, daß johlend jedem fliegenden Brandsatz applaudierende Anwohner sich oftmals schützend zwischen die Täter und die Polizei stellten. Dennoch mutet es kaum glaublich an, daß ein nach innen hin hochgerüsteter Staat wie die BRD solche Ausschreitungen erst nach der vierten Nacht in den Griff bekam. Fast könnte man meinen, es sei politisch nicht einmal wirklich unerwünscht gewesen. Auf jeden Fall hat es die Asyldebatte im wahrsten Sinne des Wortes angeheizt und es der damaligen Regierung Kohl leichter gemacht, das Asylverfahrensgesetz zu ändern.

Die „Schande von Rostock“ besteht also nicht nur darin, daß Brandsätze auf ein von Menschen bewohntes Haus geflogen sind und hunderte, eher noch tausende von Anwohnern frenetisch Beifall gespendet haben. Die „Schande von Rostock“ ist auch das Versagen der Verantwortlichen im Vorfeld ebenso wie der Sicherheitsbeamten während der Krawalle und nicht zuletzt der politische Nutznieß, den die Machthaber daraus gezogen haben.

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